Haben wir eigentlich noch eine gesunde Streitkultur?

Haben wir eigentlich noch eine gesunde Streitkultur?

Aus meiner Sicht nicht. Aber nicht erst seit gestern. Ich glaube, es ist schon länger schwierig, Gespräche zu führen und eine persönliche Meinung zu vertreten, ohne Gefahr zu laufen, dass sich das Gegenüber sofort angegriffen fühlt und zum Rundumschlag ausholt.

Mit Streitkultur ist übrigens nicht gemeint, dass wir uns anschreien oder gegenseitig die Köpfe einschlagen sollen. Auch wenn das im ersten Moment vielleicht so klingen mag. Streitkultur bedeutet, dass wir uns mit unserer Meinung und den Ansichten anderer Menschen auseinandersetzen können, auf einer sachlichen Ebene. Dass wir unseren Standpunkt vertreten, ohne anderen Personen ihre Ansicht abzusprechen.

Streitkultur soll es uns ermöglichen, uns mit unterschiedlichen Standpunkten auseinanderzusetzen, einander zuzuhören und die Sicht des anderen auch verstehen zu WOLLEN. Es geht also darum, den eigenen Standpunkt mit Argumenten zu untermauern und gleichzeitig offen für die Ansichten der anderen Menschen zu bleiben.

„Bei einer guten Streitkultur sind Austausch und Meinungsverschiedenheiten erwünscht.“

Schon als Kinder lernen wir, unsere Meinung gegenüber unseren Geschwistern oder anderen Kindern zu vertreten. Sollten wir zumindest. Heute erleben wir aber oft, dass Dialoge und Gespräche nicht sachlich sind. Vielmehr beobachten wir einen hochemotionalen Schlagabtausch. Waren die ersten Worte zunächst noch sachlich, gehen sie im Laufe des Gesprächs extrem häufig in Angriffe und nicht selten in Beleidigungen über. Verletzende Vorwürfe führen zu verletzenden Gegenvorwürfen. Eine normale Diskussion ist so kaum möglich und kann so auch nicht konstruktiv sein.

Haben wir die ganz normale Diskussion verlernt?

Heute sitzen wir seltener in face-to-face-Gesprächsrunden, wir können uns Videos oder Messages mit Monologen anhören oder selbst Monologe führen. Thesen, Gespräche, Worte, die nicht unserer Meinung entsprechen, können wir wegklicken oder gleich löschen. Kanäle und Influencer, die uns nicht gefallen, lassen sich schnell entfreunden und de-abonnieren. Algorithmen und KI erleichtern es uns, nur das zu hören und zu sehen, was wir hören und sehen wollen. Für alles weitere müssen wir uns schon um intensive Recherche bemühen.

Mir war und ist es immer wichtig gewesen, die Standpunkte anderer Menschen zu verstehen, ihre Hintergründe zu kennen, ihr Denken nachzuvollziehen. Aber Diskussionen werden zunehmend schwierig und es macht oft einfach nur noch müde, wenn sowas so einseitig ist. Die ganzen letzten zwei Jahre waren extrem ermüdend und kraftraubend. Allerdings glaube ich, dass Diskussion schon vorher schwierig geworden ist. Menschen lesen etwas und empfinden ihr Wissen und ihre Gefühle hierzu als die alleinige und einzige Wahrheit. Da bleibt keine Offenheit für andere „Wahrheiten“, viel mehr behaupten Menschen, man sei eben „uninformiert“, wenn man ihre Meinung nicht teile. Menschen verwechseln Meinungen mit Fakten, und einzelne Fakten mit kompletten Wahrheiten. Auch die Wissenschaft war und ist nie einseitig gewesen. Auch Wissenschaft lebt vom Diskurs. Sie ist ein ständiges Hinterfragen von Hypothesen, keine allumfassende Wahrheit.

Aber zurück zu Streitkultur, was könnte wichtig sein, um eine gesunde Streitkultur neu aufleben zu lassen?

  • Respekt: Gegenseitiger Respekt füreinander ist wahrscheinlich eines der wichtigsten Dinge, um konstruktiv zu diskutieren. Wie soll ein sinnvoller Austausch möglich sein, wenn wir uns nicht einmal mit Respekt begegnen können? Wenn wir glauben, wir haben die Weisheit mit Löffeln gefressen und unser Gegenüber sei ein kleines dümmliches, unwissendes Wesen?
  • Sachlichkeit: Kritik, darf sein, aber dann bitte sachlich und nicht beleidigend. Ich finde dennoch, dass auch bei sachlichen Themen, persönliche Erfahrungen miteinfließen dürfen und sollten, das hilft dem Gegenüber zum besseren Verständnis.
  • Ehrlichkeit: Sollte eigentlich selbstverständlich sein. Ich vermute, vor allem die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber fällt schwer. Der Mensch gesteht sich ungern ein, dass er sich getäuscht haben könnte. Ich finde es schade, dass „Täuschung“ so schambesetzt ist, denn solche Erkenntnisse können extrem hilfreich für uns (und andere) sein.
  • Verstehen: Wir sollten versuchen, die Sicht des Anderen wirklich zu verstehen. Dafür ist es wichtig, wirklich zuzuhören und uns gegenseitig ausreden zu lassen. Aber auch die Bereitschaft, die Perspektive des Anderen einzunehmen.
  • Nicht belehren: Online erleben wir das inzwischen häufig. Anstatt die Seite des Gegenübers verstehen zu wollen, wird mitunter mit fast extremistischem Eifer und Dogma, moralapostolisch belehrt. Das hat nichts mehr Diskussion zu tun.
  • Zeit nehmen: Nein, wir müssen nicht alles sofort beantworten, wir dürfen uns Zeit nehmen, um uns Gedanken über das Gesagte zu machen. Auch längere Auszeiten sind erlaubt und erwünscht, wenn nötig.

Hast du weitere Tipps für konstruktive Gespräche?

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