Toxische Positivität vs. Positive Lebenseinstellung

Sätze wie „Good vibes only“ und „Glück ist eine Entscheidung“ begegnen uns häufig. An einer positiven Lebenseinstellung ist nichts falsch, aber wir können Positivität nicht erzwingen. Toxische Positivität verleugnet das Unerwünschte und Unangenehme. Negative Emotionen haben keinen Zutritt, dabei dienen sie uns als wichtige Orientierungspunkte.

Alle Emotionen sind wichtig für uns

Optimistische Gedanken beeinflussen unser Leben und unsere Gesundheit positiv, davon haben wohl die meisten Menschen schon gehört. Wir wünschen uns ein Leben in Zufriedenheit, frei von Selbstzweifeln und negativer Stimmung.

Wir wollen glücklich sein und ohne Negativität, Trauer und Schmerz. Aber es gibt Ereignisse, die für uns einfach belastend oder sogar grausam sind, zum Beispiel Trennungen, Unfälle, nicht bestandene Prüfungen, der Verlust unseres Arbeitsplatzes oder der Tod einer unserer Lieben. Aber auch Konflikte und Streit, denn sie bringen uns mit unseren tiefen (häufig auch negativen) Glaubenssätzen in Kontakt und das kann sehr schmerzhaft sein.

Es ist daher auch wichtig, dass wir trauern, wütend oder verärgert sein und uns verletzt fühlen dürfen. Und diese Erlaubnis müssen wir als Erwachsene uns selbst erteilen, das übernimmt niemand für uns. Unsere Gedanken und Gefühle erfüllen wichtige Funktionen, sie tauchen nicht grundlos auf. Unterdrücken wir unsere Emotionen dauerhaft, dann erzeugen wir das Gegenteil vom Gewünschten, wir stumpfen ab und werden unglücklich!

Stay positive – sei doch nicht so negativ!

Toxische Positivität ist im Grunde der Versuch, jede negative Empfindung am besten sofort auszumerzen. Sie lässt uns glauben, dass negative Gefühle und Gedanken falsch sind und dass alles Unangenehme nicht sein darf. Warum dies irgendwann zum Problem wird? Weil unsere Gefühle nicht davon verschwinden, dass wir sie unterdrücken und negieren.

Negative Gefühle können wir vielleicht eine Zeit lang verdrängen, aber wir können sie nicht „wegmachen“, denn sie gehören zu uns, genauso wie die positiven. Sie bilden den Kontrast.

Der Psychotherapeut Noel McDermott sagte dazu folgendes:

Wenn wir versuchen, EINE Art von Gefühlen loszuwerden, dann werden wir sie alle los und stumpfen ab, auch gegenüber positiven Emotionen. Das schadet unserem Inneren.“

Schlechte Gefühle sind also ebenfalls notwendig für uns! Sie sind ein Zeichen unseres Körpers und unserer Seele, ein Schutzpanzer. Wir sollten sie nicht ausschalten, durch eben toxische Positivität oder beispielsweise auch ständiges Beschäftigtsein, Drogen, usw.

Das bedeutet nicht, dass wir negative Emotionen willkürlich herausschreien und an anderen Personen auslassen sollen. Ich hoffe, das ist selbsterklärend 😉

Einen guten Umgang mit unseren negativen Gefühlen können wir demnach trotzdem finden, auch dann, wenn wir die unangenehmen Gefühle nicht haben wollen und bestimmte Emotionen nur schwer aushalten können. Oft tun wir das auch intuitiv und im Nachhinein wird uns bewusst, dass uns unsere negativen Gefühle halfen.

Eine meiner persönlichen Erfahrungen zum Thema Gefühle unterdrücken:

Als ich Sommer 2018 heftige Panikattacken bekam, war das in diesem Zeitraum ziemlich schlimm für mich. Ich vermute, dass es auch für die Personen, die es mitbekamen ziemlich gruselig war. Und danach fragte ich mich, warum (erst) jetzt? Müsste ich da nicht eigentlich schon weiter sein? Ist das ein „Rückfall“? Und dann wurde mir bewusst, dass es eigentlich ein riesiger Fortschritt war, doch es ging um etwas anderes. Es ging um Gefühle. Die Panik bedeutete, dass ich fühle, dass ich lebendig bin. Es kamen Gefühle an die Oberfläche, die ich sehr, sehr lange unterdrückt hatte. Angst und Wut durften lange nicht sein. Nur Positives wie Dankbarkeit, Friede und Freude war erlaubt. Keine Verletzlichkeit zeigen. Doch all das ließ mich unlebendig sein. Ich hatte mich meinen Emotionen gegenüber verschlossen. Die Panik warnte mich, sie half mir, mich selbst und meine Bedürfnisse endlich ernster zu nehmen.

Warum entsteht toxische Positivität?

„Deine Gedanken bestimmen die Qualität deines Lebens.“ Das sind Worte, die uns häufiger begegnen. Wenn wir unser Leben als nicht zufriedenstellend oder sogar belastend erleben heißt die Lösung allerdings nicht, Probleme und Schwierigkeiten kleinzureden und allzeit positiv zu denken.

Verschleiern wir unsere Probleme, dann wächst die Not dahinter noch viel mehr. Wir verlieren an Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein, schlimmstenfalls wissen wir am Ende gar nicht mehr, wer wir eigentlich sind.

Toxische Positivität kann z.B. aus verinnerlichten Überzeugungen wie diesen entstehen:

  • Wenn ich negativ denke, werde ich krank.“
  • Ich bin selbst schuld, dass ich negativ denke.“
  • Wenn ich meine Gedanken und Gefühle kontrolliere, werde ich immer positiv denken.“
  • „Meine Gedanken bestimmen, wie es mir geht.“

Toxische Positivität bewirkt, dass wir Angst vor negativen Gefühlen haben und davor, sie zuzulassen. Vielleicht müssen wir befürchten, in unserem Umfeld für Gefühle und Gedanken wie diese abgelehnt zu werden und behalten sie lieber für uns.

Aber toxische Positivität kann auch noch einen ganz anderen Hintergrund haben. Nämlich diesen, dass wir uns nicht mit dem Unglück anderer Menschen oder mit unseren eigenen, tieferen Problemen auseinandersetzen müssen. Auch das ist natürlich ein Schutzmechanismus, aber wenn wir die Sorgen und Probleme anderer Menschen oder unsere eigenen kleinreden und stattdessen Dankbarkeit und positives Denken fordern, kann das sehr viel Leid erzeugen.

Einen positiven Lebensstil etablieren

Unsere Gedanken und vor allem auch unsere Sprache nehmen natürlich schon einen zentralen Einfluss auf unser Leben. Wir verwenden in unserem Sprachgebrauch im Durchschnitt deutlich mehr negative als positive Worte. Oft bemerken wir es gar nicht mehr, wir sind es gewohnt.

Es kann hilfreich sein, die eigenen Gedanken und Gefühle zu beobachten und die Worte bedacht zu wählen. Manchmal neigen wir dazu, uns oder andere Personen in Gedanken abzuwerten, dann lohnt es sich, dahinter zu blicken, warum dies so ist.

Stets positiv zu denken, ist jedoch nicht das, was unser Leben verbessert. Es geht vielmehr darum, eine Akzeptanz (nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit) zu entwickeln. Eine Akzeptanz der Dinge und Situationen, die wir im Moment nicht ändern können. Dann haben mir auch mehr Energie für Situationen, in denen wir handeln müssen. Das gehört auch, dass wir einen guten Umgang mit den (sozialen) Medien finden, Distanz zu negativen Nachrichten wahren und Prioritäten setzen. Was ist wichtig für uns, und was bringt mehr Schaden als Nutzen?

Für mich persönlich bedeutet ein positiver Lebensstil, dass ich positive wie negative Gedanken und Gefühle zulassen kann, mich von ihnen aber nicht so beeinträchtigen lasse, dass sie mir schaden. Das gelingt mal mehr und mal weniger gut und auch das ist okay.

Ein positiver Lebensstil bedeutet zudem, dass wir auf uns achten und unsere Gesundheit, die körperliche und die seelische. Dass wir für genügend Schlaf und Entspannung sorgen, Sport und eine wohltuende Ernährung in unser Leben integrieren. Dass wir um Hilfe bitten können und dass wir für unsere Familie und Freunde da sind.

Was gehört für dich zu einem positiven Lebensstil?

Diesmal habe ich keine Buchempfehlung, vielleicht habt ihr eine zu Toxischer Positivität?

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