Holistisches vs. analytisches Denken und Wahrnehmen

Die Mehrheit aller Kinder und Erwachsenen hat einen analytisch-sequentiellen Denk- und Wahrnehmungsstil. Kennzeichnend hierfür ist das Denken in Kategorien, Schemata und (leider) auch Stereotypen. Analytisch denkende Personen richten ihre Aufmerksamkeit auf ein primäres Objekt, sie nutzen formale Logik und Regeln. Doch entgegen häufiger Vermutungen, gibt es noch einen weiteren Denk- und Wahrnehmungsstil, nämlich den holistischen (ganzheitlichen) Stil.

„Wahrnehmung sollte nicht länger als etwas angesehen werden, was bei jedem Menschen gleich ist.“

WAS UNTERSCHEIDET ANALYTISCHES VON HOLISTISCHEN DENKEN?

Der analytisch-sequentielle Wahrnehmungs- und Denkstil ist kontextunabhängig, der holistische Wahrnehmungs- und Denkstil hingegen kontextabhängig.

Im Gegensatz zum analytischen Wahrnehmen richten Personen mit holistischer Wahrnehmung ihre Aufmerksamkeit auf die Beziehung zwischen einem Objekt und dem Kontext. Sie orientieren sich also an dem Umfeld des Objektes. Holistisches Denken basiert eher auf Erfahrungen, weniger auf einer abstrakten Logik. Anstatt durch Regeln erklärt man sich Ereignisse durch Erlebnisse, Erkenntnisse und abhängig vom Kontext. Holistische Denker sind häufig intuitive Denker.

Das Schulsystem und vermutlich wohl auch das Bildungssystem im Allgemeinen ist vor allem in der westlichen Welt jedoch hauptsächlich auf analytisches Denken und Wahrnehmen ausgerichtet. Holistische Denker können ihr Wissen daher oft nicht so unter Beweis stellen.

„In der Schule war nur analytisches Denken gefragt. Ich habe trotz vielem Lernens oft nur gute bis mittelmäßige Noten gehabt, da ich mich schwer nur auf das Vorgegebene konzentrieren konnte und die Dinge im größeren Rahmen betrachten wollte, doch dafür war keine Zeit. Es war nicht erwünscht, „out of the box“ zu denken.

Holistischer Denk- und Wahrnehmungsstil Analytisch-sequentieller Denk- und Wahrnehmungsstil
Bei einem holistischen Wahrnehmungsstil lenkt die Person ihre Aufmerksamkeit auf die Umgebung (den Kontext), der Fokus liegt also mehr auf den Eigenschaften des Objektes. Der holistische Denker nimmt mehr Umweltinformationen auf. Allerdings kann er wichtige von unwichtigen Dingen zunächst nicht scharf voneinander trennen. Das Gehirn neigt zum de-fokussieren und de-konzentrieren. Erst im zweiten Schritt und bei Ruhe können die Daten in ihrer Klarheit abgerufen werden.
Beim analytischen Denken betrachtet die Person ein Objekt losgelöst von seinem Kontext. Der analytische Wahrnehmungsstil trennt strikt zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen, das Gehirn richtet seine Aufmerksamkeit auf ein Objekt und filtert einen Großteil der Umweltinformationen heraus. Ins Bewusstsein treten klare Informationen, Stück für Stück. Das bedeutet allerdings auch, dass der analytisch-sequentielle Denker die Welt reduziert und nicht in ihrer Fülle wahrnimmt.
Die Aufmerksamkeit liegt auf dem Gesamteindruck. Die Person betrachtet die Dinge „von hinten beginnend“, sie braucht erst einen Überblick und möchte das Konzept verstehen. Erst dann kann sie sich auf Details konzentrieren.Die Aufmerksamkeit liegt auf dem Objekt, man nutzt hierfür Regeln, Logik und Schemata.
Die Person beginnt „von vorne“ und arbeitet sich Schritt-für-Schritt vor.

„Holistisches Denken basiert auf der Wahrnehmung der Beziehung zwischen einem Objekt und einem Kontext. Beim analytisch-sequentiellen Denken wird der Kontext hingegen häufig eher ignoriert.“

In unserer westlichen Welt ist der holistische Denkstil eher untypisch. In der östlichen Welt aber nicht, Asiaten sollen dazu neigen, weniger in Kategorien zu denken, sie richten stattdessen ihre Aufmerksamkeit eher auf die Gesamtsituation, sie denken ganzheitlicher.

„Gerade dann, wenn es um Lösungen, Ratschläge und Hilfen geht, sollte der Mensch mit seinem individuellen Eigenschaften im Vordergrund stehen. Anstatt dass man ihm eine vorgefertigte Lösung aufdrückt und dann noch beleidigt ist, wenn die nicht hilft, weil doch Studien belegen, dass es so sein sollte…“

Das holistisches Wahrnehmen möchte auch die Umgebung erfassen und filtert weniger als das analytische Wahrnehmen. Dies bedeutet nicht, dass holistische Denker unter AD(H)S leiden! Holistisches Denken ist einfach nur eine andere Wahrnehmung der Welt.

Die, die zu den Querdenkern zählten, bevor das Wort durch die Krise eine negative Bedeutung bekam und die, mit den unbeständigen Lebensläufen, das sind häufig die holistischen Denker.“

Viele holistischen Denker haben gelernt, analytische Denkprozesse anzuwenden, für sie ist das Lernen nach dem traditionellen Schulsystem und die Informationsaufnahme dennoch schwerer.

Hochsensibilität und holistisches Denken

Hochsensible Menschen weisen vermutlich einen holistischen Denk- und Wahrnehmungsstil auf mit Dominanz der rechten Gehirnhälfte. Die Neurologie ordnet der linken Gehirnhälfte rationales Denken und Logik zu. Die rechte Gehirnhälfte gilt als die gefühlsbetonte und künstlerische.

Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und holistischen Denken, für viele Hochsensible wird sich hiermit erklären, warum sie so anders denken. Allerdings bedeutet das nicht, dass jeder Hochsensible automatisch rein holistisch denkt. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass wir uns und unser Denken im Laufe des Lebens anpassen.

Gehirnmodell zur Hochsensitivität nach Trappmann-Korr.

„Gerade in künstlerischen und sozialen Berufen, aber auch im Marketing ist holistisches Denken nicht nur nützlich, sondern sogar notwendig.“

Die Wissenschaft ist in der Regel auf analytisches Denken ausgerichtet. Dass man deshalb zwangsläufig zu besseren Ergebnissen kommt, ist allerdings nicht der Fall. Im Berufsleben ist holistisches Denken also deutlich mehr gefragt. Vielleicht erklären die unterschiedlichen Denkweisen auch, warum die Zusammenarbeit zwischen denen, die theoretisch entscheiden und denen, die die Dinge praktisch ausführen oft so schwer ist. Wer für einen Kunden einen Garten gestalten soll, kann sich nicht ausschließlich an dem orientieren, welcher Stil gerade aktuell ist oder was die Fläche hergibt. Er muss die individuellen Wünsche, Vorstellungen, das Budget des Kunden berücksichtigen und Vorschläge machen, was gut zu dem Kunden, seinem Grundstück und seiner Lebensweise passen könnte.

Ich empfinde eine Mischung aus analytischem und holistischen Denken als wichtig und sinnvoll, beide Wahrnehmungen bringen Stärken mit sich und ergänzen einander.

Bist du eher ein analytischer oder holistischer Denker? Schreibe gern über deine Erfahrungen in den Kommentaren.

Literaturhinweise

Mehr über den holistischen Wahrnehmungsstil und Hochsensibilität findet ihr auf www.tattva.de und speziell in der Tattva Viveka Ausgabe 75 (6/2018, S,16 – 19)

Auf der Website der Verhaltenswissenschaftlerin Birgit Trappman-Korr gibt es außerdem weitere Informationen zum Thema Hochsensibilität, einen Test und passende Lektüre.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. gkazakou sagt:

    Interessant. Ich sehe es folgendermaßen:
    Das holistische Denken ist,wie schon das Wort sagt, grundlegender, da umfassender. Das analytische Denken ist, ohne dieses holistische Denken, nur für Teilaspekte der Wirklichkeit geeignet, um sie zB nach Nutzen-Schaden oder Ursache-Wirkung zu zergliedern und zu spezielllen Handlungsanweisungen zu kommen. Holistisches Denen ohne das analytische Instrumentarium bleibt vague und ist Außeneinflüssen und Stimmungen ausgesetzt.. Also ist beides erforderlich. Und es ist auch beides im menschlichen Denken veranlagt. Wenn Asiaten und Amerikaner verschieden „ticken“, so liegt das nicht an den „Genen“ oder an der Ausstattung des Hirns, sondern an den Kulturprägungen, die über die Familienerziehung weitergegeben werden. .
    Bei mir persönlich wurde nach der Kindheit, die wohl immer durch holistisches Denken gekennzeichnet ist.,das analytische Denken vorherrschend, doch verschwand die holistische Grundhaltung nicht und wurde immer beherrschender, je älter ich wurde.

    Ich nehme an, dass die, die sich ganz auf das analytische Denken (auch rationales oder logisches Denken genannt) reduziert haben, auch die sind, die sich jetzt impfen lassen. Denn sie sehen den weiteren geistig-seelischen und politisch-gesellschaftlichen Kontext nicht, in den dieses Einzelgeschehen eingebettet ist.
    Liebe Grüße

    Gefällt 2 Personen

    1. Sara sagt:

      Hallo Gerda, danke für dein Kommentieren. 🙂 Der Meinung bin ich auch, dass sowohl analytisches als auch holistisches Denken notwendig und sinnvoll ist, eine gute Ergänzung, die ich wahrscheinlich noch in meinen Beitrag aufnehmen werde. Ich bin zudem der Meinung, dass eher holistisch denkende Menschen gut mit eher analytisch denkenden Menschen zusammenarbeiten könnten, wenn sie denn bereit (und in der Lage) sind, sich auf die jeweils andere Sicht einzulassen.

      Dass Asiaten grundsätzlich aufgrund ihrer Genetik holistischer denken, glaube ich auch nicht, ich las nur im Zusammenhang mit meiner Recherche über diese Studie. Ich glaube aber, das in Asien einfach allgemein holistisches Denken gefragter ist. Die medizinischen Ansätze sind holistischer, individueller und präventiver.

      Was du über deine Kindheit beschreibst ist sehr interessant. Ich las, dass Kinder umso jünger sie sind, umso holistischer denken sollen. Ein Teil der Kinder würde das holistische Denken wohl bis ins Erwachsenleben beibehalten, während der Großteil sich besser an das vorherrschende, analytische Denken anpasst. Ich denke aber wie du, dass es sehr darauf ankommt, was das Umfeld lehrt, wenn analytisches Denken im Umfeld der Kindheit vorherrschte, das holistisches aber dennoch nicht verloren geht.

      Andererseits meine ich auch, dass es in Familien sowohl holistische, als auch eher analytisch denkende Mitglieder gibt. Ich vermute daher, dass sowohl genetische Einflüsse, Veranlagungen, als auch die Erziehung, das Bildungssystem und das Umfeld allgemein eine Rolle spielen.

      Liebe Grüße
      Sara

      Gefällt 1 Person

    2. Sara sagt:

      Und ja, für den analytischen Denker wäre ein Medikament bzw. eine Impfung wohl der selbstverständliche Schritt. Clemens G. Arvay sagte einige interessante Dinge dazu.

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