Hochsensibel – nicht einfach nur empfindlich



Jeder oder jede Fünfte ist hochsensibel. Auch wenn hochsensible Personen (HSP) damit eine Minderheit darstellen, so betrifft das Temperamentsmerkmal sehr viele Menschen und findet noch immer zu wenig ernsthafte Beachtung. Inzwischen gibt es genügend Forschungen zum Thema und sinnvolle Hilfestellungen zum Umgang mit der Hochsensibilität. Gute Gründe also, um der Hochsensibilität nicht länger die Existenz abzusprechen.

Nicht wenige Menschen setzen die Hochsensibilität allerdings ausschließlich mit einer hohen Verwundbarkeit oder Verletzbarkeit gleich. Das Konzept geht aber viel tiefer, dafür ist es hilfreich, sich ein wenig näher mit der Materie auseinanderzusetzen.

Jerome Kagan, der als Psychologe an der Harvard Universität arbeitete, beschäftigte sich intensiv mit Temperamenten und Verhaltensweise bei Säuglingen und Kleinkindern. Er fand heraus, dass etwa 20 Prozent der Säuglinge intensiver auf Reize reagierten. Er bezeichnete sie damals als „gehemmte“ Kinder. Vom Konzept der Hochsensibilität war seinerzeit noch keine Rede.

Die US-amerikanische Psychologin, Elaine Aron, selbst hochsensibel, forschte genauer. Sie erkannte, dass hochsensible Personen insgesamt mehr Reize aufnehmen und diese gründlicher verarbeiten als normalsensible Personen.

Häufig wird nur von den Schwächen der Hochsensibilität gesprochen, die schnelle Reizüberflutung, eine leichte Schmerzempfindlichkeit, und starke, überflutende Gefühle gelten als zentral. Außenstehende können hochsensible Personen als überempfindlich oder „Langsamdenker“ empfinden. Das trifft aber nicht den Kern und hat schon gar nichts mit mangelnder Intelligenz oder Wehleidigkeit zu tun.

HSP denken also nicht wirklich langsamer, sie denken vernetzter, vielschichtiger und auf mehreren Ebenen zugleich. Sie beziehen deutlich mehr Gesichtspunkte in ihre Überlegung mit ein, als es normalsensible Menschen tun und das benötigt logischerweise auch mehr Zeit. Da hochsensible Personen zudem ein sensibleres Nervensystem besitzen, reagieren sie schneller und eher auf Stress und die Reize um sie herum, als ihre Mitmenschen. Sie sind generell reizoffener und schreckhafter als normalsensible Personen. Dies birgt entgegen häufiger Vermutungen nicht nur Nachteile. Entscheidend ist der Umgang hiermit und die Akzeptanz der Hochsensibilität.

Nach Elaine Aron gibt es vier zentrale Merkmale hochsensibler Menschen:

  1. Gründliche Informationsverarbeitung
  2. Übererregung
  3. Emotionale Intensität
  4. Sensorische Empfindlichkeit

„Laut meiner Smartwatch auf der es die Stresslevel: entspannt, normal, mittel und hoch gibt, bin ich, trotz dass ich regelmäßig Sport treibe, den kreativem Ausgleich suche und Entspannungsübungen mache, nie im entspannten Bereich.“

Das mag im ersten Moment alles nicht so berauschend klingen, doch die Hintergründe der Hochsensibilität zu verstehen hilft, sich selbst besser zu akzeptieren und mit dem Selbstverständnis erkennt man auch viele Stärken.

„Ich liebe es, Neues zu erkunden, bin aber durch die Vielzahl an Reizen schneller erschöpft und benötige mehr Pausen. Wenn ich mit meinem Mann zum Beispiel in einer großen oder unbekannten Stadt unterwegs bin, machen wir entweder gemeinsam mehr Pausen oder gehen zwischendurch getrennte Wege und ich trinke einen Kaffee, Tee und mache einen kleinen Spaziergang im Park, so habe ich Zeit, um mich zu erholen. Shopping-Touren sind für mich gar nichts, länger als eine Stunde halte ich das nicht aus, habe aber auch kein wirkliches Interesse daran, es stellt für mich also keinen Nachteil dar. Als Teenie habe ich mich aber schon oft gefragt, was mit mir nicht stimmt.“

Zu den wichtigsten Stärken hochsensibler Menschen zählen unter anderem:

  • Intensive Wahrnehmung mit allen Sinnen

Viele hochsensible Personen nehmen Sinnesreize besonders intensive wahr. Sowohl Gerüche, Geschmäcker, visuelle und auditive Reize, wie zum Beispiel Lichteffekte, Musik und Hintergrundgeräusche. Das begünstigt zwar einerseits die schnelle Überflutung, ermöglicht es aber auch Farben, Speisen, und wohltuende Musik mehr zu genießen. Viele Hochsensible sind zum Beispiel von Musik besonders berührt. Viele HSP arbeiten in künstlerischen Berufen oder im sozialen Bereich.

„Wenn ich einen Film sehe, ist mir die Hintergrundmusik zu laut und die Stimmen zu leise, so switche ich immer zwischen lauter und leiser. Ähnlich ist es, wenn ich mit meinem Partner oder Freunden ein Restaurant besuche (und nicht gerade eine Pandemie das komplette, gesellschaftliche Leben auf den Kopf stellt): ich höre Gespräche mit, die Personen an drei Tischen neben uns führen, kann meinen Gegenüber aber fast nicht verstehen – scheinbar kann das Gehirn relevante von irrelevanten Reizen weniger gut trennen. Ich höre das Klicken eines Bewegungsmelders oder das eines Herds, surrende Akkuladegeräte nerven mich, andere nehmen diese Geräusche nicht wahr. Im Zug oder bei hoher Lautstärke helfen mir Noise-Cancelling-Kopfhörer, manchmal ohne und manchmal mit meiner Musik, da kann ich dann ganz für mich sein, in meiner Welt. Musik berührt mich sehr, sowohl bestimmte klassische Musik, Chöre, als auch manche Rockmusik, Heavy oder Balladen. Wenn unterschiedliche musikalische Einflüsse harmonisch zusammenwirken, spüre ich wie sie meinem ganzen Körper durchfluten. Live-Konzerte vermisse ich gerade sehr.“

  • hohes Reflexionsvermögen / Meta-Denken

HSP denken sehr vielschichtig und verfügen häufig über eine hohe Fähigkeit zur Reflexion. Sie haben ein reichhaltiges Innenleben, hinterfragen die Dinge, interessieren sich für Hintergründe und denken viel (mehr als gewöhnlich) über sich selbst und andere Personen nach. Meist betrachten sie die Dinge meist aus einer übergeordneten Perspektive (Metaperspektive) und beziehen sehr viele Faktoren in ihre Überlegungen mit ein. Das intensive, vielschichtige Denken zeigt sich oft bereits im Kindesalter.

  • intensive Werteorientierung

Werte sind hochsensiblen Menschen überaus wichtig, zum Beispiel Ehrlichkeit, Disziplin, Gerechtigkeit, Selbstbestimmung, Entwicklung und Frieden. Es fällt ihnen schwer, gegen ihre Werte zu handeln und es schmerzt sie ebenso, wenn andere Menschen (ihre) Werte nicht achten. Viele HSP haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.

„Dass ich sehr reflektiert sei und vielschichtig denke, wurde mir von verschiedenen Seiten öfter gesagt. Ich merke es oft daran, dass ich mir bei Gesprächen noch Gedanken über ein Thema mache, meine Gesprächspartner aber schon zu anderen Gesprächsthemen übergehen. Ich lese oft „unbeabsichtigt“ zwischen den Zeilen. Allerdings merke ich auch, dass manche Menschen genervt sind, wenn man sich sehr viele Gedanken (über alle Details) macht und die Dinge hinterfragt, für mich ist es mittlerweile jedoch eine Stärke. Mein Gerechtigkeitssinn ist hoch, dabei geht es aber nicht zwangsläufig um die Gerechtigkeit mir gegenüber, sondern auch gegenüber anderen Personen oder Personengruppen. Ungerechtigkeit kann ich also wirklich schwer aushalten. Werte wie Selbstbestimmtheit, Verlässlichkeit, Toleranz und Nachhaltigkeit sind mir wichtig, ich finde es schade, wenn Menschen auf Werte wie diese weniger Wert legen.“

  • hohe Empathie

Hochsensible Personen haben oft eine besonders hohe Empathiefähigkeit, man schätzt sie als gute Zuhörer und Helfer. Sie können sich besonders gut in ihr Gegenüber hineinversetzen und lesen auch zwischen den Zeilen. Mimik, Gestik und Körpersprache sind wichtige Orientierungspunkte für sie. Stimmungen und Schwingungen nehmen sie sehr deutlich wahr, auch ungesagte Konflikte, Hierarchien und Befindlichkeiten anwesender Personen. Es gibt zudem HSP, die auch über größere Distanzen Empfindungen anderer Personen wahrnehmen. Für hochsensible Personen ist es nicht immer leicht, die eigenen Gefühle von denen anderer zu trennen. Es ist für sie daher wichtig, an ihrer Abgrenzungsfähigkeit zu arbeiten. Hochsensible Personen, die zusätzlich ein Entwicklungstrauma haben, nehmen oftmals die Gefühle anderer Personen besser wahr, als ihre eigenen.

Freunde und Bekannte schätzen mein empathisches Wesen, aber ich muss auch gut auf mich achten, dass ich mich nicht zu sehr in anderen Geschichten oder Weltschmerz verliere. Stimmungen nehme ich schnell wahr und Unstimmigkeiten bemerke ich oft eher als andere. Reagiere aber manchmal erst (zu) spät darauf, für Hochsensible ist es wichtig, dass sie lernen ihrer Intuition besser zu vertrauen und sich nicht von der dominanten Energie anderer Menschen verunsichern lassen.

  • Intensive Gefühle

Die Gefühle hochsensibler Personen sind sehr facettenreich. Freude, Trauer, Aufregung, Schmerz, berührt sein, aber auch Stimmungsschwankungen, hochsensible Personen fühlen besonders intensiv und können auch innerhalb kurzer Zeit sehr „stimmungsflexibel“ sein. 😉 Vielen HSP sieht man ihr Gefühlsleben an, nicht selten sind sie nah am Wasser gebaut, auch Freunde und Dankbarkeit empfinden sie sehr stark.

  • Naturverbundenheit und Kontakt zu Tieren

Naturverbundenheit ist nicht zwangsläufig ein hochsensibles Merkmal, doch viele HSP haben eine starke Verbindung zur Natur, sie dient ihnen als echte Kraftquelle. Die Natur bietet unzählige angenehme Reize, sie wirkt stressmindernd, ausgleichend, regt aber auch unsere Sinne auf eine positive Art an. Hier werden alle Sinne angesprochen, Sehen, Riechen, Schmecken, Tasten und Hören. Hochsensible Personen können oft mehrere Stunden Zeit beobachtend in der Natur verbringen und haben zudem oft eine besondere Beziehung zu Tieren und Haustieren.

„In der Natur entdecke ich immer wieder neue Dinge, die mich faszinieren, zu jeder Jahreszeit. Blüten und Knospen, brütende Tiere, die Schönheit der Schneeflocken, Spurensuche im Schnee, Vogelstimmen erkennen, die Farbenvielfalt der Wälder und Felder… Ich bin an 365 Tagen im Jahr für mindestens eine Stunde in der Natur. Farben empfinde ich sehr intensiv, eines meiner größten Hobby ist daher die Fotografie in der Natur.“

Was hat sich die Natur bei Hochsensibilität gedacht? Es gibt viele Forschungen und Vermutungen hierzu. Man geht davon aus, dass die Menschheit zu Beginn der Evolution in Stämmen zusammenlebte. Damals ging es noch darum, das gegenseitige Überleben zu sichern und dafür entwickelten die Stammangehörigen unterschiedliche Talente. Zum Beispiel gab es Personen mit schnellen Beinen oder starken Armen, einem gutem Gehör und guten Augen zum Jagen. Hochsensible Personen waren für die Sicherheit zuständig. Sie erspürten, dass Tiere vor Naturkatastrophen oder Veränderungen des Klimas in Panik gerieten. Demnach konnten sie Ihren Stamm rechtzeitig warnen und schützen.  

Inzwischen findet das Konzept der Hochsensibilität mehr Akzeptanz in der Psychotherapie, da ist aber noch Luft nach oben. Ich hoffe daher, man wird sich weiterhin mit dem Konzept auseinandersetzen und zukünftig für hochsensible Personen ein höheres Verständnis aufbringen können.

Auch hochsensibel? Welche Erfahrungen hast du gemacht?

Hier erfährst du mehr über hochsensible Personen und Hochsensibilität:

Buchempfehlungen und meine Lieblingsbücher zum Thema Hochsensibilität:

Hochsensible Personen haben einige Gemeinsamkeiten mit Asperger Autisten, es gibt aber auch Unterschiede. Eine berührende Doku über und mit hochsensiblen Personen und Asperger Autisten findest du hier.

Vertiefende Informationen zum Thema Hochsensibilität gibt es außerdem auf folgenden Websites:





2 Kommentare Gib deinen ab

    1. Sara sagt:

      Vielen Dank 🙂

      Gefällt mir

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