Warum sich Differenziertheit & Achtsamkeit lohnen

Es lohnt sich, Situationen zunächst zu beobachten, ohne sie zu bewerten. Aus langjähriger Erfahrung weiß ich, wie viel Kraft und Energie es mich gekostet hat, als ich mich noch andauernd selbst bewertete. Mein innerer Kritiker war sehr hartnäckig und alles andere als herzlich oder wertschätzend mir gegenüber. Dennoch musste ich mir erst darüber bewusst werden, um etwas daran verändern zu können. Zu lange waren die ständigen Beschimpfungen und Verurteilungen normal gewesen.

Mein Umfeld bewertete ich hingegen gar nicht so stark, wie ich es bei mir selbst tat. Allerdings glaubte ich, dass ich zu jeder Situation Stellung nehmen muss. Man suggerierte mir, dass es nur gut oder schlecht, schwarz oder weiß, wahr oder falsch gibt. Doch das zu beurteilen fiel mir wahnsinnig schwer, für mich waren die wenigsten Dinge nur gut oder nur schlecht. Natürlich gibt es auch Situationen, die wirklich schlecht sind. Dennoch sind einseitige Bewertungen alles andere als sinn- und gewinnbringend.

Ich selbst, wollte viele Situationen und Menschen gar nicht ohne weiteres bewerten. Ich wollte mir zunächst ein umfassendes Bild von Mensch und Situation machen. Meistens denke ich eine ganze Weile über Situationen und Gesagtes nach. Mir entstand daher ein starker Druck, weil ich glaubte, immer einen festen Standpunkt vertreten zu müssen. Meiner Ansicht nach ist es viel authentischer, auch einmal zuzugeben, wenn man sich mit einem Thema nicht so gut auskennt. Man kann und muss nicht alles wissen. Es ist keine Schwäche, etwas nicht zu wissen. Natürlich sollte man mit der bloßen Beobachtung ohne Bewertung, Verantwortungen trotzdem nicht vernachlässigen. Achtsamkeit soll nicht bedeuten, dass du alle Verpflichtungen und Verantwortungen abgeben kannst.

Mir selbst fällt es zeitweise heute noch schwer, Entscheidungen zu treffen, mittlerweile nehme ich mir allerdings die benötigte Zeit dafür. Manche Entscheidungen müssen dennoch schnell getroffen werden. Eine gute und gesunde Portion Intuition, kann hierbei hilfreich sein. Allerdings erfordert auch eine „gesunde“ Intuition genügend Selbstvertrauen, um danach handeln zu können. Ich denke, wir sollten öfter auf unsere Intuition vertrauen.

Idealismus um jeden Preis?

Zwar verstehe ich welches Ziel man mit dem Schwarz-weiß-Denken zu erreichen versucht, doch gut damit leben könnte ich selbst nicht. Extremdenkweisen sollen das Leben vereinfachen, sie sollen als Wegweiser dienen. Nebenbei möchten viele Menschen auch für Ideale eintreten. Aber sind diese Ideale auch wirklich für das engste Umfeld ideal? Oder verdrängt man die Verantwortung, um das eigene, gewünschte Ideal zu leben?

Idealismus ist grundsätzlich nichts Negatives, in vielen Bereichen denke auch ich idealistisch, allerdings kann Idealismus in manchen Lebensbereichen im Weg stehen. Eine Frage, die sich mir hier stellt lautet, in wieweit lässt sich Idealismus mit Verpflichtungen und Intuition vereinen? Oder anders gefragt: Wo endet Idealismus? Ein falsch verstandener Idealismus rechtfertigt auch die Abgabe von Verantwortung nicht.

Pflichtgefühle – Leben wie es andere erwarten

Ein weiteres Hindernis in Bezug auf die Achtsamkeit und die Nicht-Bewertung, stellt das Pflichtgefühl dar. Viele Menschen haben das Gefühl, ihr Leben auf eine bestimmte Art und Weise leben zu müssen. Sie glauben, die Tätigkeiten, die sie tun, tun zu müssen. Auf manche Tätigkeiten mag das zutreffen, auf andere jedoch nicht. Manche Menschen beneiden andere, die aus der Reihe tanzen. Anstatt dies vielleicht als Motivation zu sehen, um selbst in Aktion zu kommen, werten sie die Sonderlinge ab.

Verpflichtungen hat jeder, dennoch lohnt es sich, zu hinterfragen, ob du dir diese selbst auferlegt hast oder ob sie auferlegt wurden. Natürlich gibt es auch diese Verpflichtungen, die selbstverständlich sein sollten. Bei Pflichtgefühlen tun wir allerdings vieles allein um der Harmonie willen. Wir wollen Diskussionen oder Streit vermeiden, stehen manchmal aber selbst gar nicht hinter dem, was wir tun.

Der Einfluss von Bewertungen

In der heutigen Bewertungsgesellschaft können wir vom Restaurantbesuch bis hin zur ärztlichen Behandlung mittlerweile so gut wie alles bewerten und unsere Sternchen verteilen. Ich selbst, lese mir zwar manche Bewertungen durch. Sie sind allerdings nicht der alleinige und ausschlaggebende Grund für mich, ein Produkt zu kaufen, ein Restaurant zu besuchen oder mich von einem bestimmten Arzt behandeln zu lassen. Warum? Weil wir unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Empfindungen sind. Bewertungen nehmen einen großen Einfluss darauf, was wir tun und wie wir uns verhalten. Bei bestimmten Situationen lese ich mir Bewertungen bewusst erst im Nachhinein durch. Selbst wenn ich von positiven oder negativen Bewertungen weiß, versuche ich mir immer ein eigenes Bild zu machen.

Allerdings habe ich festgestellt, dass bestimmte Restaurants, Ärzte oder Produkte definitiv nicht grundlos negativ bewertet werden. Wer sich an Bewertungen orientiert, sollte im Übrigen einmal weitere Bewertungen des Rezensenten durchlesen. Es gibt Menschen, bei den 39 von 40 Bewertungen nur einen Stern erhalten. Wie glaubhaft kann eine solche Rezension sein? Andererseits neigen auch viele Menschen dazu, nur sehr gut oder nur sehr schlecht zu bewerten, womit wir wieder bei Schwarz-Weiß-Denken wären. Das einzige Orientierungskriterium bei einer wichtigen Entscheidung, sollten Bewertungen anderer Menschen daher nie sein.

Differenziertheit braucht Zeit und Mut

Um differenziert zu denken, brauchen wir Zeit, die uns womöglich nicht immer zur Verfügung steht. Denn wenn es um Entscheidungen geht, die asap getroffen werden müssen, können wir nicht erst eine großartige Analyse starten. Bei manchen Situationen sollten wir es uns trotzdem erlauben uns genügend Zeit zu nehmen, um zu reflektieren. Mit einer guten Reflexion können wir ehrlich und authentisch entscheiden und beurteilen, wenn es die Situation erfordert.

Bewertungen erfolgen oft aus einer Emotion heraus, wir bewerten eine Situation im gegenwärtigen Moment anders, als wir sie vielleicht in ein paar Wochen bewerten würden. Natürlich kommt es auch darauf an, wie wichtig die Situation für uns und andere Menschen ist. Die Entscheidung, ob wir Pistazieneis anstatt Zitroneneis wählen, oder ob wir ein Jobangebot im Ausland annehmen und das sichere, langjährige Arbeitsverhältnis in der Heimatstadt verlassen, haben natürlich höchst unterschiedliche Stellenwerte. Letzteres erfordert weitaus mehr Vorbereitung und wirkt sich auch ganz anders auf uns und unser Umfeld aus.

Differenziertheit hat für mich auch etwas mit Selbsterkenntnis zu tun, ich nehme mir Zeit, um herauszufinden, was für mich passt und habe den Mut zu mir und meinen Stärken und Schwächen zu stehen. Differenziertheit soll allerdings nicht bedeuten, Entscheidungen so lange aufzuschieben, bis ein anderer darüber entscheidet.

😉 Alles Liebe

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